Bevor wir die Zeremonie beginnen, bereiten wir uns innerlich auf die Praxis vor. Wir kommen zur Ruhe und öffnen unser Herz für das Licht, das Mantra und die Zeremonie. Wir praktizieren nie in Hektik oder nebenbei. Diese Praxis bedarf einer aufrichtigen und respektvollen Haltung im Herzen. Denn das ewige Licht ist die tiefste Urquelle unseres Lebens. Es ist wichtig, dass wir ihm mit tiefer Wertschätzung begegnen.

Vor der Zeremonie putzen wir uns die Zähne. Wer sich unrein fühlt, reinigt seinen Körper (z.B. duschen). Anschließend sorgen wir dafür, dass wir während der Zeremonie nicht gestört werden (sagen Mitbewohnern oder Familienmitgliedern Bescheid, ziehen den Telefonstecker raus, schalten das Handy aus). Wir unterbrechen die Zeremonie nicht, sondern führen sie immer in Ruhe bis zu Ende durch. Ein einfacher Durchlauf der Zeremonie dauert etwa 45 Minuten.

Bevor wir beginnen, lüften wir den Raum und/oder zünden einen guten Duft an. Wer mag, stellt eine Kerze und frische Blumen auf. amitaba_mandalaIm Westen des Zimmers platzieren wir das Sonnen-Mandala oder ein Bild eines schönen Sonnenuntergangs (falls das nicht möglich ist, stellen wir uns vor, dass dort, wo das Bild steht, Westen ist). Wir richten uns im Herzen zur untergehenden Sonne aus und fühlen uns mit dem ewigen Licht verbunden.

Wer mag, kann das goldene Licht eines wunderschönen Sonnenunterganges erinnern. Während der Zeremonie müssen wir diese Vorstellung nicht im Kopf halten, sondern es genügt ein Grundgefühl im Herzen zu tragen. Unsere Augen schauen entspannt in das Sonnen-Mandala.

Die Zeremonie hat neun Schritte. Jeder Schritt bereitet den nächsten vor, deshalb sollte kein Schritt ausgelassen werden und die Reihenfolge auch nicht vertauscht werden. Diese Methode ist keine moderne Erfindung, sondern basiert auf einer uralten Tradition des Dzogchen-Buddhismus. Diese Tradition wurde aus alter Zeit bis heute in einer ununterbrochenen Linie von Meistern an Schüler weitergegeben und hat sich über Jahrhunderte tief bewährt.

Neun Schritte der Zeremonie:

1. Das Eröffnungsmantra `wàn yǒu fēi zhēn, wéi yǒu běn zhēn´ unterstützt unsere Praxis und schützt uns vor Störungen. `Wàn yǒu fēi zhēn, wéi yǒu běn zhēn´ ist das Schlüsselmantra zum Weg des `lebendigen Dao´. Ich zeige diesen Weg in die Freiheit, in die wahre Realität, ins allumfassende Sein ganz direkt und unabhängig von Religion. Trotzdem bediene ich mich des uralten Wissens meiner Tradition, des Dzogchen.

Das Mantra wàn yǒu fēi zhēn, wéi yǒu běn zhēn wirkt wie ein Passwort zum allumfassenden Sein, zum Dao. Wörtlich übersetzt heißt wàn yǒu fēi zhēn, wéi yǒu běn zhēn: `Nichts ist wahr, nur das Dao ist wahr´ (nur unsere wahre Natur ist wahr). In dem Moment, in dem wir diese Wahrheit aussprechen, öffnen wir uns dem großen Ganzen, dem Dao und werden von ihm unterstützt und geschützt. Wir müssen das Mantra nicht oft wiederholen, drei- bis zehnmal genügen. Es ist wichtig, das Mantra voller Vertrauen und mit aller Offenheit auszusprechen. Nur auf diesem Weg kann es tief wirken.

2. Die Gebete dieser Zeremonie dienen dazu, einen tiefen Aspekt in uns selbst zu öffnen. Sie helfen uns, über unser Bewusstsein hinaus zu gehen, unser Herz zu öffnen und uns in der Tiefe mit dem allumfassenden Sein, der wahren Realität zu verbinden. Diese Verbindung war schon immer da. Sie war bloß blockiert durch die Aktivitäten unseres Egos; durch unsere Emotionen, Gedankenkarusselle, körperliche Triebe etc. Die Öffnung, die durch die Gebete geschieht, kann uns erfahren lassen, dass wir mit dem allumfassenden Sein verbunden sind. Diese Erfahrung wirkt zurück auf unser Bewusstsein und verändert es aus der Tiefe. Wir beten also nicht zu einem äußeren Gott. Wir fühlen uns nicht klein und bedürftig. Sondern wir sprechen eine Wahrheit aus, die schon immer da war, zu der wir bloß keinen Zugang hatten.

Ein Beispiel: Wir möchten uns dem Licht öffnen, dann sagen wir: `Ich öffne mich dem ewigen Licht´. Wenn wir Hilfe benötigen, sagen wir: `Bitte hilf mir, mich dem ewigen Licht zu öffnen´. Wir sprechen es aus und im gleichen Moment passiert es. Vorausgesetzt, wir sind dabei ehrlich und aufrichtig und öffnen und wirklich. Wichtig ist zu verstehen, wofür wir uns in diesen Gebeten öffnen: erstens dem Dao, zweitens dem Licht von Amitābha. Das ist sehr wichtig! Öffnen wir uns einfach nur so, wäre es in etwa so, als würden wir ohne Antivirus-Programm und Firewall ins Internet gehen. Wir sollten unsere innere Ausrichtung also nie vergessen. Die Gebete dieser Zeremonie sind so aufgebaut, dass sich das Mantra Namo Amitābhaya noch tiefer in uns entfalten kann.

3. Dalibai: Dalibai sind Verbeugungen, Niederwerfungen. Wir verbeugen uns nicht vor einer äußeren Instanz, wie etwa vor Gott, dem Himmel oder einer besonderen Kraft. Mit den Verbeugungen zeigen wir unseren tiefen Respekt vor dem Dao, der ewig wahren Realität. Wir treten von unserem Ego, unseren Emotionen, Gedanken und Problemen zurück und geben uns komplett der einzig wahren Realität hin. Wir werfen unsere Probleme ins Dao, lassen los und treten in die allumfassende Lebendigkeit des Seins ein. Wir stehen erfrischt auf, fühlen uns neu und erfüllt. Die Dalibai zeigen ein tiefes Annehmen des Dao. Zusätzlich haben die Dalibai eine tiefe körperliche Wirkung, vergleichbar mit dem Sonnengruß aus dem Yoga.

Dalibai in der Praxis: Wir stehen aufrecht. Wir heben die Arme seitlich über den Kopf und legen die Hände in Gebetshaltung zusammen. In dieser Haltung lassen wir die Hände vor den Körper sinken und berühren dabei leicht 1. das dritte Auge, 2. die Kehle, 3. das Zentrum unserer Brust. Danach lassen wir die Hände sinken und legen uns ausgestreckt auf den Boden. Die Stirn berührt den Boden. Die Arme sind über dem Kopf gestreckt. Die Handflächen liegen auf dem Boden. Nach einem Moment drehen wir die Handflächen Richtung Himmel. Dann winkeln wir die Arme an den Ellenbogen an, legen die Handflächen zusammen und führen die Hände hinter den Kopf. Wir stützen die Handflächen seitlich der Brust auf, drücken den Oberkörper hoch, so dass er an der Vorderseite gestreckt wird. Danach begeben wir uns auf die Knie und legen den Oberkörper entspannt auf die Oberschenkel, die Stirn berührt den Boden, die Arme sind nach vorne gestreckt. Wir ruhen einen Moment in dieser Position. Dann richten wir uns auf, stützen die Hände neben dem Körper auf den Boden und springen auf die Füße (mit einem kleinen Sprung!). Wir stehen aufrecht und entspannt. Die Dalibai wiederholen wir elfmal oder häufiger (in 11er-Schritten / 22, 33, 55).

Hier geht’s zum Video der Dalibai

4. Das Mudra: Wir kreuzen die Finger beider Hände am obersten Glied – die rechte Hand liegt oben. Die Finger sind gestreckt, aber entspannt. Die Fingerspitzen zeigen zum Himmel. Handwurzeln und Handseiten berühren einander. Zwischen den Handflächen bleibt ein Hohlraum. Die Hände berühren den Körper nicht. Ellbogen und Schultern sind entspannt. Dieses Mudra ist die symbolische Haltung für das `Eins-Sein´. Wir halten das Mudra während aller Gebete und des Mantras. Es verstärkt die Wirkung des Mantras und der Gebete. Wir schließen und öffnen das Mudra über unserem Kopf.

5. Gebet um ins Licht einzutreten. Dieses Gebet lässt uns in eine natürliche, ursprüngliche Ordnung zurückkehren. Um uns mit dem Licht zu verbinden, benötigen wir diese natürliche Ordnung. Richtet unser Ego zu viel Durcheinander an, ist es sehr schwer, das Tor in unserem Herzen zum Licht zu öffnen.

Wie sprechen wir die Gebete richtig? Wir leiern die Gebete nicht runter oder lesen sie gelangweilt ab, sondern wir verstehen, was wir sprechen und sagen die Worte tief aus unserem Herzen. Trotzdem vermeiden wir Pathos. Das wäre übertrieben und unnatürlich. Wir sind entspannt und stabil und öffnen unser Herz. Voller Vertrauen beginnen wir das Gebet zu sprechen. Das Dao führt das Gebet fort und vollendet es. Natürlich fließt das Gebet aus unserem Herzen hervor. Wir spüren die Kraft des Gebets und wie es sich von Innen her entfaltet.  Das Wichtigste am Gebet sind unser Vertrauen und die Aufrichtigkeit in unserem Herzen.

6. Zwölf Lichter-Gebet: Indem wir alle zwölf Qualitäten des Lichts sprachlich benennen, kann sich das ewige Licht tiefer in uns manifestieren. Es durchdringt uns und wirkt in uns. Auf diesem Weg kann es alte Blockaden und tiefe Muster auflösen. Wenn wir wenig Zeit haben, können wir anstatt aller zwölf Lichter nur ein Licht nennen – und zwar das `unermessliche Licht´ (stellvertretend für alle Lichter). Das Gebet der zwölf Lichter wird uns das Licht von Amitābha tiefer verstehen lassen und unsere Praxis verändern. Dieses Gebet ist sehr tief und wirkungsvoll.

7. Mantra chanten: Wir chanten das Mantra Namo Amitābhaya mindestens zehn, besser zwanzig Minuten – wenn möglich länger. Zu Beginn suchen wir die richtige Aussprache und den richtigen Ton. Wenn wir beides gefunden haben, treten wir automatisch in einen natürlichen Fluss ein. Wir sprechen das Mantra tief aus dem Herzen, aus einer inneren Verbundenheit. Wir lassen es nie zu einem Job werden. Wir fühlen uns nie leer beim Chanten, ansonsten wird die Wirkung auch leer bleiben. Dann wird selbst eine stundenlange Praxis nichts verändern. Nur wenn das Licht in unserer Praxis hervorkommt, wird unsere Praxis eine tiefe Qualität haben und uns verändern.

Zu Beginn können beim Chanten des Mantras Nebenwirkungen oder Hindernisse auftreten. Beispielsweise kann es starke Emotionen, bleierne Müdigkeit oder Gedankenkarusselle geben. Was auch immer passiert, wir lassen uns davon nicht stören und sagen das Mantra unbeirrt und stabil weiter. Das ist sehr wichtig! Nur wenn wir uns nicht stören lassen, können wir den ersten, oft chaotischen Teil überwinden. Nach einer Weile wird die Praxis ruhiger, das Mantra und die Lichtqualität stabiler. Mehr und mehr wird das Licht von sich aus hervorkommen, uns durchdringen und durch die Praxis tragen.

Für Anfänger: Zu Beginn kann zu viel Disziplin schaden. Zwingt euch nicht dazu, das Mantra zu chanten und quält euch nicht stundenlang. Chantet das Mantra, wenn es mit Freude hervorkommt. Zum Beispiel auf dem Fußweg nach Hause oder bei der Küchenarbeit. Sagt das Mantra in den Momenten, in denen ihr eine Verbindung zum Licht spürt. Fühlt euch glücklich, entspannt und offen. Spürt die

Freiheit im Herzen. Denkt nicht viel nach. Ihr macht keinen Job! Natürlich ist es gut jeden Tag zu praktizieren, aber zwingt euch nicht dazu. Namo Amitābhaya bedeutet, dass ihr das Leben genießt. Das Dao und seine Lebendigkeit werden euch helfen, das Mantra weiter hervorzubringen. Euer Leben wird leichter, glücklicher und anstrengungsloser. * Wer Lust hat, die Zeremonie auf zwei, drei Stunden auszudehnen, sollte 20-30 Minuten das Mantra chanten und danach 5-10 Minuten im Anxi sitzen, im Anschluss wieder 20-30 Minuten das Mantra chanten und 5-10 Minuten im Anxi sitzen und so weiter.

8. Anxi ist eine absolute Pause. Wir haben nichts zu tun. Wir wollen nichts erreichen, keinen Zustand hervorrufen oder halten. Wir haben eine absolute Pause. Unser Körper ist entspannt und ruht in der Pause. Unser Herz ist entspannt und ruht in einer Pause. Gedanken halten wir nicht fest, sondern lassen sie ziehen wie Wolken am Himmel. Alles, was innen und außen passiert (Gedanken, Gefühle etc.) beachten wir nicht. Wir haben keine Idee. Wir haben Pause. Unser Ego hat Pause! Wir wollen nichts verändern oder erreichen.

Das Ziel ist nicht, in eine Stille einzutreten, sondern ein Ankommen im Herzen. Zu erfahren, dass alles bereits vollkommen ist und es afür nichts zu tun gibt. Das heißt, wir wollen nicht unseren Zustand verändern oder ihn positiv beeinflussen. Stattdessen kehren wir zurück in einen grundlegenden Zustand des Seins, in dem wir mit dem Leben und seiner Lebendigkeit eins sind. Wir kehren zurück zur einfachen Seins-Existenz, in der wir erfahren, dass wir nicht `ICH´ sind, sondern reines Leben.

Anxi ist keine Meditation. In der Meditation wollen wir unseren Zustand verändern, uns tiefer entspannen. Meditation hat immer ein Ziel. Anxi hat kein Ziel. Wir müssen nichts tun. Es ist bereits getan. Es ist bereits vollendet. Aus dieser Gewissheit entsteht das Gefühl von Angekommensein, deswegen können wir stabil und entspannt sein.

Mit dem Anxi zeigen wir unsere Hingabe zum allumfassenden Sein, zum Dao, zur wahren Realiät. Denn im Anxi tritt euer Herz in die Grundqualität des allumfassenden Seins ein. Verweilt ihr in dieser Qualität, kann das Amitābha-Mantra tief in euch nachwirken und sich in eurem Herzen wirklich ankommen und entfalteb. 5 bis 10 Minuten Anxi genügen. Bei längerem Anxi verändert sich oft die Qualität. Es besteht die Gefahr, dass ihr wegdämmert oder in Meditation abgleitet.

Die Praxis: Ihr sitzt aufrecht auf einem Stuhl oder Hocker. Traditionell sind die Fußgelenke gekreuzt. Der Körper ist anstrengungslos aufgerichtet, ohne dass man sich anlehnt. Die Handrücken liegen auf den Oberschenkeln, die Handflächen sind Richtung Himmel geöffnet. Die Augen sind geöffnet, fixieren aber nichts. ihr seid klar und wach, trotzdem völlig ungestört und stabil. Ihr habt eine Pause von allem. Ihr kümmert euch um nichts, nicht mal um euch selbst. Anxi hat nichts mit euch zu tun. Nichts mit eurem Namen, eurer Geschichte, euren Gefühlen! Ihr braucht bloß zu wissen, dass ihr am Leben seid, – dass ihr EIN Leben seid. In dieser Qualität tretet ihr in eine Pause ein.

9. Das Abschlussgebet rundet die Zeremonie ab. Ihr sagt:` Bitte lass’ mir das Licht von Amitābha wahrhaftig erscheinen, lass mich das Licht von Amitābha wahrhaftig erfahren´ und sprecht damit euren tiefsten Herzenswunsch aus. In dem Moment, in dem ihr ihn aussprecht, lasst ihr ihn wahr werden. Dieses Resultat behaltet ihr nicht für euch, sondern teilt es mit allen Lebewesen. Damit zeigt ihr eure Liebe und euer Mitgefühl für alle lebenden Wesen. ihr werdet ein Tor zum ewigen Licht – für alle anderen Lebewesen. Dabei seid ihr selbst natürlich mit eingeschlossen.